Quincinetto bis Susa 2020 - GTA-Bericht Etappen 22b-34a (Rother Führer) oder 14-26 (Bätzing)

GTA-Bericht Etappen 22b-34a (Rother Führer) oder 14-26 (Bätzing)

Meine Frau und ich waren vom 31. Juli - 15. August 2020 zum sechsten Mal auf der GTA unterwegs.
• 2015 hatten wir in zwei Wochen die Etappen von Susa bis Castello/Pontechianale begangen.
• 2016 stand der Weg von Castello/Pontechianale bis Entracque auf dem Programm.
• 2017 haben wir mit der Strecke von Entracque bis Ventimiglia den Südteil der GTA vollendet.
• 2018 folgte der Beginn des Nordteils vom Nufenenpass bis Molini di Calasca sowie ein Teilstück der Ostroute von Casteldefino bis Sambuco.
• 2019 sind wir von Molini di Calasca bis nach Pont Saint Martin gelaufen. Berichte dieser Teilstücke gerne auf Anfrage.

Anbei unserer Eindrücke:

  1. Tag, 31. 7. 2020 – Zugfahrt Karlsruhe - Ivrea, per Bus nach Quincinetto. Bella Italia, wir kommen wieder – trotz Corona!! Anfahrt mit 7 mal Umsteigen in 11 Stunden über Basel, Bern, Brig, Domodossola, Novara, Chivasso, Ivrea nach Quincinetto. Trotz kleiner Verspätungen klappt alles! In der Schweiz sind die Züge voll, aber die Leute sind trotz Masken eher gechillt. In Domodossola ist dann gefühlt Schluss mit lustig: Überall Polizeipräsenz! Im Zug nach Novara müssen wir die Pässe zeigen und die Personalien werden aufgenommen. Wer die Maske nicht richtig trägt, wird ermahnt. Es ist alles genau geregelt, an welchen Türen man ein, an welchen man aussteigen und auf welchen Plätzen man sitzen darf. Desinfektionsmittelspender hängen neben jeder Türe. Die vorgeschriebenen Handschuhe trägt allerdings niemand… In Quincinetto ist es drückend heiß. Das B&B Casaval bietet sehr schöne und komfortable Zimmer mit Hightech-Dusche und üppigem Frühstück. Auf der Terrasse eines sehr guten Restaurants gleich um die Ecke schauen wir hinüber auf die Berge, von denen wir letztes Jahr ins Tal abgestiegen sind. Noch hört man den heraufbrandenden Verkehr der nahen Autobahn! Morgen geht es wieder in die Stille und Kühle der Berge!

  2. Tag, 1. 8. 2020 – Etappe 22b: Quincinetto - Agriturismo Le Capanne, nur 5,6 km, aber 1117 Höhenmeter.
    Selbst am Morgen um 8.00 kommt man bei dem heißen Wetter auf der steilen Mulatteria schnell ins Schwitzen. Vorbei an Weingärten mit den typischen Kolonnaden und einer alten Quarzmine lassen wir Quincinetto auf 300 m Höhe schnell hinter uns und überqueren lange vor Mittag bereits die 1000er-Grenze. Nur eine Ziegenherde überholt uns. Die Einheimischen freuen sich sichtlich, wieder wandernde Touristen mit Rucksäcken zu sehen. Schon am Mittag sind wir nach wunderschönem Weg am Ziel. Das Agriturismo (schöne Zimmer, netter Service) scheint als Ausflugsziel sehr beliebt zu sein: Am Samstagmittag sind alle Tische mit stundenlang tafelnden Italienern belegt. Vier ältere Männer halten bis zum späten Abend durch und kommen nach diversen Grappas und Vecchia Romanas immer wieder auf die nächste Flasche des guten Tischweins zurück. Keine Ahnung, wie sie später nach Hause kommen…
    Nachmittags machen wir einen kleinen Ausflug auf alten Dorfwegen zum schön wieder hergerichteten Dorf Scalaro - nur 15 Min. vom Le Capanne entfernt. Und abends werden wir mit einem sehr leckeren und gigantischen Abendmenü (samt Käseplatte und Fruchtkorb am Ende!) im Le Capanne bestens auf die Strapazen der kommenden Etappen vorbereitet.

  3. Tag, 2. 8. 2020 – Etappe 23: Le Capanne - Succinto, 11,7 km, 844 m Anstieg, 1079 m Abstieg.
    Nach heftigen Gewittern gestern Abend und Nacht ist der Himmel heute großteils wieder blau. Der steile Anstieg in der Sonne zum Pass wird gleich wieder schweißtreibend! Oben angekommen haben wir einen schönen Blick auf die Berge, in denen wir letztes Jahr herumgelaufen sind.
    Auf einem schönen Höhenweg geht es hinüber zur Alpe Chiaromonte. Giorgio (ein uralter Senner und Original) ist wirklich da, unterstützt von einem jungen Freund. Wir trinken Cafè zusammen in seiner Hütte (Spende am Ende nicht vergessen!) und schauen zu, wie frischer Käse gemacht wird. Giorgio mischt noch etwas Pfeffer und Peperoncino darunter. Wir dürfen von dem noch warmen Käse probieren. Am Ende werden wir mit Handschlag verabschiedet – Covid 19 hin oder her…
    Der steile Abstieg hat es in sich, aber der Weg ist gut gemäht. So sieht man zumindest, wo man hintritt! Die Markierungen, die beim Aufstieg alle neu waren, sind nun ziemlich verblasst, aber noch zu finden. Succinto sieht man lange schon unten liegen, aber der Weg zieht sich, bis wir endlich da sind.
    Heute werden unsere neuen, superleichten Daunenschlafsäcke eingeweiht, die wir dieses Jahr erstmals dabeihaben. Außer Leintuch und Kissen gibt es hier nichts (zumindest in der Theorie und nach den Corona-Bestimmungen: unsere Wirtin meint später, wenn wir noch Decken bräuchten, liegen die in Plastik eingeschweißt im Regal!).

  4. Tag, 3. 8. 2020 – Etappe 24: Succinto - Fondo - Piamprato, 15,3 km, ca. 1455 m Anstieg, 1072 m Abstieg: Die Übernachtung im Rifugio El Pero in Succinto wurde noch zu einem der nettesten GTA-Erlebnisse: wir waren die einzigen Übernachtungsgäste, wurden fantastisch und liebevoll beim Abendessen versorgt und haben uns noch bis spät mit Giuliana und Ezio auf Italienisch unterhalten, die als eine Art Hobby noch bis nächstes Jahr dieses Rifugio unterhalten, dann aber endgültig in den Ruhestand gehen wollen (zuvor haben beide ein Leben lang bei Olivetti gearbeitet!). Ob es danach dann noch jemand weitermacht und in derselben Art, dass man sich wie bei Oma und Opa zuhause fühlt?
    Wieder energetisch aufgetankt machen wir uns am Morgen auf den Weg nach Piamprato: bis Fondo (mit der schönen alten Brücke) wunderbare alte Dorfwege, dann talaufwärts durch das wilde Chiusella-Tal. Auf 1800 m trifft uns ein heftiger Regenschauer, der eigentlich erst für nachmittags angesagt war, auf 2100 m der nächste und kurz vor dem Pass auf 2400 der dritte. Drei erschrockene Gämsen fliehen, als wir in unserem Regenzeug vorbeischnaufen. Der Foto ist in Plastik verpackt und nicht so schnell zur Hand. Alles ist kalt und nass und an längere Pausen ist nicht zu denken.
    Der Abstieg soll laut Bätzing bei Nässe besonders heikel sein, was sich durchaus bestätigt: Gleich hinter dem Pass ist der Weg häufig zugewachsen, so dass man Löcher im Boden nicht sehen kann. An den heiklen, mit Seil gesicherten Kletterstellen sind die schrägen Felsplatten nass und sehr rutschig. Aber wenigstens ist der Weg hier gut ausgeschnitten. An einer kurzen Kletterstelle sind die Eisentritte am Fels in so großem Abstand angebracht, dass jemand wie ich mit langen Beinen sie gerade so erreichen kann. Keine Chance für meine Frau, der ich dann von unten zeigen muss, wo es noch andere Tritte gibt, die man aber von oben beim Herunterklettern kaum sehen kann. Im Zeitlupentempo steigen wir gemeinsam mit vier anderen Deutschen die ersten 550 m vom Pass ab. Erst dann wird es besser. Nach 9 Stunden kommen wir endlich am Ziel an. Alles was nicht in Plastiktüten im Rucksack eingepackt war, ist trotz Regenzeug komplett nass. Der Rucksackinhalt wird gleichmäßig auf das gesamte Zimmer verteilt, die vom feuchten Gras nassen Schuhe mit Zeitung ausgestopft. Morgen wird nicht vieles davon trocken sein. Aber es ist besseres Wetter angekündigt!
    Die Locanda Aquila Bianca (gute Zimmer), wo wir übernachten, nimmt als Hotel die Covid 19-Bestimmungen ganz besonders ernst: Zum ersten Mal werden wir an der Stirn Fieber gemessen, eindringlich zum Tragen der Mascherina (außer am Tisch) aufgefordert. Beim Frühstück ist jedes Croissant, jedes Löffelchen Müsli und jedes Stückchen Obst einzeln in Plastik verpackt, was einen größeren Müllberg am Tisch verursacht. Dafür sind die Preise etwas teurer und die Halbpension beinhaltet (für GTA-Wanderer ungewöhnlich!) nur Primo und Secondo beim Abendessen. Alles andere muss extra bezahlt werden. Es lohnt sich trotzdem, auch die gemischten Vorspeisen zu probieren: Das Essen ist insgesamt sehr gut!
    Was in allen Restaurants in Italien sofort auffällt: Im Unterschied zu Deutschland werden hier von den Gästen keinerlei Daten wie Telefonnummer und Adresse erhoben. Der Mindestabstand beträgt in Italien generell nur 1 m und alle, die als Gruppe kommen (viele Großfamilien!) halten untereinander ohnehin keinen Abstand. Von daher ist eigentlich – bis auf das Tragen der Maske bis zum Tisch und die Masken der Bedienungen – alles wie vor Corona.

  5. Tag, 4. 8. 2020 - Etappe 25: Ronco - Talosio, 13 km, 1227 m Anstieg, 900 m Abstieg.
    Nachdem wir unsere Wandersocken mit dem Hotelföhn halbwegs wieder getrocknet haben, geht es per Bus nach Ronco bzw. noch ein Stückchen weiter bis zur Abzweigung Forzo Bivio. Wieder ohne Regen auf trockenen Wegen eine gut machbare Etappe, abgesehen von 3,5 km Teerstraße zu Beginn bis Masonaje, auf der wir die ersten dreihundert Höhenmeter hinaufschnaufen (hätte ich noch besser die Karte studiert, hätte ich gesehen, dass man die Teerstraße auf einem Wanderweg etwas weiter westlich hätte umgehen können, der dann wieder auf die GTA mündet!). Im stillen Talosio übernachten wir ziemlich einfach in der ehemaligen Dorfschule und werden hervorragend in der Bar „The Wolf“ (sie wollen ab nächstem Jahr eigene Zimmer im Haus anbieten!) verköstigt – mit vielen Vorspeisen und so großen Portionen beim Primo und Secondo, dass wir uns anschließend kaum mehr rühren können. Die Coronaregeln kümmern hier im Dorf niemanden groß: Hauptsache die Schilder hängen in der Bar, aber Maske muss niemand tragen und Fieber gemessen wird auch nicht. Die mittlerweile acht deutschen GTAler, die in der gleichen Richtung unterwegs sind, sitzen wie eh und je an einem Tisch zusammen.

  6. Tag, 5. 8. 2020 – Etappe 26 Talosio - San Lorenzo, 14,7 km, 1427 m Anstieg, 1577 m Abstieg, mit Pausen gut 9 Stunden Gehzeit: Eine lange und anstrengende Etappe, die wir in der grandiosen Landschaft bei Bilderbuchwetter und Fernblick bis zum Monviso dennoch sehr genießen. Nicht denken, wie weit oder wie hoch oder runter wir noch müssen! Einfach ein Schritt nach dem anderen… Bereits am ersten Pass kommen die schneebedeckten Levanna-Gipfel und bald auch der Gran Paradiso in Sicht! Das Orco-Tal liegt tief unter uns. Der Abstieg zum Stausee Lago d´Eugio ist ziemlich mühsam, da teils zugewachsen. Der Aufstieg zum zweiten Pass ist steil, kaum noch markiert und der Weg teilweise schwer zu finden – wobei die grobe Richtung klar ist. Der steile Abstieg nach San Lorenzo zieht sich und es tut gut, kurz vor dem Ziel die Füße nochmals im rauschenden Bach abzukühlen!
    In der Trattoria San Lorenzo werden wir von Simona (nach dem Fiebermessen!) herzlich empfangen und abends mit unzähligen Vorspeisen aus der Region und dem eigenen Garten und Pasta verwöhnt.

  7. Tag, 6. 8. 2020 – Etappe 27: San Lorenzo - Noasca, 16,2 km, 1029 m Anstieg, 957 Abstieg: Nach einem herausragenden Frühstück geht es auf großteils nicht gepflegtem Weg sehr steil im Wald an Geisterdörfern vorbei hinauf. Brennesseln, denen wir gerade noch erfolgreich ausgewichen sind, schlagen manchmal zurück und erwischen uns noch in der Kniekehle. Oben taucht plötzlich ein breiter, gepflegter Höhenweg auf, der vermutlich zu einem Bergwerk führte! Was für ein Luxus! Ein Stück hinter St. Anna folgen wir der Empfehlung unserer netten Wirtin in San Lorenzo und steigen links den Pilgerpfad ins Tal ab. Die markierte GTA sei hier brutto brutto! Unten endet leider der Versuch, die Bundesstraße zu meiden und auf der anderen Seite des Flusses einem Wanderweg zu folgen, schon nach dem nächsten Dorf wieder im Gestrüpp. Also doch Bundesstraße in der Mittagshitze! Wie schön, dass eine rettende Bar vorbeikommt! Nun sind wir bald wieder auf der GTA und der Weg wird besser, zieht sich aber noch bis Noasca. Wir baden im wilden Fluss.
    In Noasca werden wir ungewohnt schnoddrig im Albergo Gran Paradiso (zu dem auch das Hotel La Cascata gehört) empfangen, obwohl wir exakt innerhalb der ohnehin sehr eingeschränkten Check-in-Zeit von 16:30-18:30 kommen und ja längst angemeldet sind, und müssen erst einmal 20 Minuten warten, bis sich jemand um uns kümmert. Abends wird aber dann im bis zum letzten Platz besetzten Wirtsraum (nur der Mundschutz der Bedienungen erinnert noch an Corona) nach allen Regeln der Kunst getafelt, bis sich die Balken biegen (weshalb das gesamte Geschirr für die unzähligen Gänge und Besteck aus Plastik sein muss, erschließt sich uns allerdings nicht wirklich!). Was ist ein typischer Tag auf der GTA? Die Wanderer kämpfen tagsüber mit den Etappen und abends mit den vielen Gängen beim Essen… Wer am nächsten Morgen seine Rechnung in bar begleicht, für den sind die Getränke gleich inbegriffen – bei Kartenzahlung nicht!

  8. Tag, 7. 8. 2020 – Etappe 28 Noasca - Ceresole Reale, 11,5 km, 1065 m Anstieg, 600 m Abstieg. Bei gutem Wetter sicherlich eine der schönsten Etappen der GTA! Eine leichte Etappe auf wunderschönem Weg mit herrlichen Ausblicken auf die nahen Levannagipfel und den grün leuchtenden Stausee. Und dann auf der Terrasse des Fonti minerali Radler und später Spritz trinken und leckere Pizza essen (alles andere war dort eher etwas chaotisch…).
    Im Fonti minerali war wie im Aquila bianca schon eine Anzahlung im Voraus nötig. Diese wurde allerdings nicht wie im zweiten Fall sofort bestätigt. Man muss beim Bezahlen selbst auf diese Anzahlung hinweisen. Wer das vergisst, zahlt den Betrag gleich noch ein zweites Mal… Der Service im Fonti minerali entspricht derzeit leider nicht dem etwas gehobenen Preis: Es gibt zwar Bettwäsche, aber keine Handtücher. Unser Doppelzimmer im Erdgeschoss mit Steinboden ist trotz Luftentfeuchter so kalt und feucht, dass nach zwei Übernachtungen dort manche technischen Geräte wegen Feuchtigkeit nicht mehr richtig funktionierten. Mein Handy hat sich Gott sei Dank einige Tage später wieder erholt!

  9. Tag, 8. 8. 2020 – Ausflug in den Nationalpark Gran Paradiso. 840 Höhenmeter rauf und runter, 10,4 km. Bei dem herrlichen Wetter wird es wieder nichts aus unserem geplanten Ruhetag: wir fahren mit dem bis zum letzten Stehplatz gefüllten 9:00 Uhr-Bus (alle mit Maske!) hoch zum Colle del Nivolet. Allein die Busfahrt auf der gigantischen Passstraße ist ein Erlebnis für sich! Dort folgen wir in dieser wirklich paradiesischen Landschaft mit blaugrün funkelnden Seen, in denen sich der Gran Paradiso spiegelt, einfach den wandertechnisch fitteren Italienern, die sich eher links halten. Es geht über viele langgestreckte Schneefelder immer höher, bis wir am Pass sind. Die Italiener gehen weiter zum Gipfel in der Nähe: Punta Basei, 3338 m. Das letzte Stück ist klettersteigähnlich und es geht einmal ca. 3 m fast senkrecht am Seil und auf Eisentritten hinauf. Wenn da ganze italienische Familien hochkommen, schaffen wir das auch! Der Rundblick ist unglaublich!!! Als wir wieder unten sind, können wir kaum glauben, dass wir da oben waren… Am Pass sind mittlerweile (Samstag!) die Autoschlangen fast unübersehbar. Der Busfahrer um 17 Uhr räumt („Io passo!“) auf dem Rückweg noch die letzten wegen Corona gesperrten Plätze, damit alle Fahrgäste wieder ins Tal kommen. Ein unglaublicher Tag!

  10. Tag, 9. 8. 2020 – Etappe 29: Ceresole Reale - Pialpetta. 14,3 km, 1153 m Anstieg, 1574 m Abstieg. Der Anstieg von Alphochfläche zu Alphochfläche auf sehr gut markiertem Weg ist sehr abwechslungsreich. Die Beine sind längst im “Bergziegenmodus“ und laufen fast von alleine… Trotz des späten Frühstücks (leider erst um 8 Uhr!) sind wir schon um 12 am Pass und genießen den Ausblick. Auch der sehr lange Abstieg gelingt besser als befürchtet. Es wird nur immer heißer und schwüler je tiefer wir kommen. Die letzten schon überreifen Heidelbeeren halten uns bei Laune! Im Albergo Setugrino gibt es sogar Handtücher im Doppelzimmer. Was für ein Luxus! Dafür sind die Betten steinhart und beim Abendessen bekommen alle Ausländer mit Halbpension einfach ungefragt ohne Vorspeise etwas aufgetischt, während die Restaurantgäste bei jedem Gang gefragt werden, was sie jeweils auswählen wollen… Schade! Ausländer essen eben Kartoffeln und können sich nicht verständigen! Dass bei den günstigen Halbpensionspreisen nicht immer alles inklusive sein kann, ist ja völlig in Ordnung. Ich würde ja auch einen Aufpreis bezahlen, wenn ich denn gefragt würde…

  11. Tag, 10. 8. 2020 – Etappe 30: Pialpetta - Balme, 1542 m Anstieg, 1212 m Abstieg, 16,7 km. Vor dieser langen und zähen Etappe über den Colle di Trione haben wir den meisten Respekt! Da für nachmittags Gewitter angekündigt sind, brechen wir sofort nach dem frühest möglichen Frühstück um 8 Uhr auf. Auf ganz neu markiertem und gut ausgeschnittenem Pfad geht es zügig Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Die Wolken steigen allerdings mit und bereits vor 12 Uhr beginnt es zu regnen. Es donnert ständig - zum Glück nicht direkt bei uns! Leider kam der Wegausschneider nicht höher als 2100 m! Durch nasses Gestrüpp und über nasse Felsen bahnen wir uns den Weg bis zum Pass und im Nebel (GPS sehr hilfreich!) auf der anderen Seite wieder hinunter. Dass uns immer das schlechte Wetter gerade auf den längsten Etappen dieses Jahr einholen muss! Endlich lässt der Regen wieder nach und wir sehen die Berge auf der anderen Talseite. Die letzten drei km vor Balme verlaufen auf der Teerstraße, was unsere Füße nicht wirklich erfreut. Nach 9 Stunden sind wir am Ziel. Ein wirklich großes (!!) Bier (0,75 l) von der ortsansässigen Bio-Brauerei, die nette Atmosphäre im Les Montagnards (sehr schöne Zimmer mit terrakotta-gefliesten Bädern) und das außergewöhnlich gute Essen dort bringen uns schnell wieder auf die Beine.

  12. Tag, 11. 8. 2020 – Etappe 31: Balme - Usseglio, 1197 m Anstieg, 1359 m Abstieg, 12,4 km. Das Wetter hat sich wieder beruhigt. Ungern nehmen wir Abschied von unserer schönen Unterkunft mit bestem Service im Les Montagnards. Hier könnte man auch einfach so mal Urlaub machen, wenn man nicht jeden Tag wieder weiter müsste! Bis zum ersten Pass ist der Weg ein wildes Flusstal hoch so wunderschön, dass ihn kein Maler oder Dichter schöner erfinden könnte. Wir sind rundum glücklich und vergeben drei Sterne für diesen Abschnitt mit tollen Ausblicken, tiefen grünen Seen und gut markiertem Weg. Der kurze Anstieg zum zweiten Pass ist dann weniger schön: warum geht es eigentlich gefühlt auf der GTA bei jedem zweiten Pass auf derselben Etappe immer auf der Direttissima nach oben? Am Pass sehen wir Usseglio schon tief unten im Tal liegen. Mein Garmin zeigt nur noch 3,4 km bis zum Ziel an, auf denen wir gut 1100 m runter müssen! Das wird übel! Wir folgen am Pass wie beschrieben nicht den uralten GTA-Markierungen rechts (und auch nicht dem ebenso alten und extrem ungenauen GPS-Track des Rother Führers!!) sondern nehmen den sehr viel besseren Weg (Sentiero Italia) oben links vom Pass. Anfangs führt der noch bequem in Serpentinen auf der steilen Grasflanke abwärts. Da er aber offensichtlich nicht gepflegt wird, wird es bald immer schlimmer. Teilweise bekommt man kaum einen Fuß auf den schmalen Weg, Markierungen sind spärlich, viele Stellen zugewachsen, einige Stellen des Weges abgerutscht. Und das bei maximaler Steilheit!! Erst im Wald wird es endlich besser. Dieser Abstieg bekommt drei Minuszeichen von uns! Als wir endlich unten in Usseglio sind und zurückblicken, können wir kaum glauben, dass wir diese steilen Grasflanken heil heruntergekommen sind! Der Rocciamelone liegt nun direkt vor uns - und damit zweieinhalb Tage kein Abstieg mehr…
    Wir übernachten im altehrwürdigen Jugendstilhotel Rocciamelone, in dem der Kellner im gediegenen Speisesaal noch aus der großen Silberschüssel mit eindrucksvollem Silberschöpfer die Suppe serviert. Nur beim Frühstück kommt der arme Mann ins Rotieren, da mangels Erlaubnis für ein Frühstücksbuffett der Kellner alle Wünsche aller Gäste gleichzeitig erfüllen soll und alles selbst an den Tisch bringen muss.

  13. Tag, 12. 8. 2020 – Etappe 32: Usseglio - Rifugio Vulpot, 10,4 km, 616 m Anstieg, 82 m Abstieg. Für GTA-Verhältnisse fast schon ein Ruhetag! Die GTA führt mittlerweile nicht mehr auf der Straße, sondern ganz bequem auf der anderen Seite des Flusses (noch in Usseglio links über die Brücke!). In Margone entscheiden wir uns für die Abenteuer- Variante, die mittlerweile besser markiert und ausgeschnitten zu sein scheint, als die eigentliche GTA, die im Tal bleibt: wir nehmen die alte Bahntrasse einer Schmalspurbahn, die mittlerweile gut als Wanderweg gepflegt wird. Man muss erst einmal steil den Berg hoch um hinzukommen (auch hier besser den Markierungen und der neuen Ausschilderung zum Rifugio Vulpot folgen als dem GPS-Track des Rother Führers, der zwar quer über den Hang etwas abkürzt, aber mehr oder weniger weglos über unzählige Weidezäune führt!). Aber dann geht es fast ebenerdig auf einem aussichtsreichen Höhenweg und sogar durch einen Tunnel (Taschenlampe nötig!) hinüber zum Lago Malciaussia. Dort werden wir im Rifugio Vulpot ganz hervorragend versorgt, während draußen mehrere kleine Gewitter niedergehen. Danach ist der Rocciamelone wieder frei…

  14. Tag, 13. 8. 2020 – Etappe V 33-1, Rifugio Vulpot - Rifugio Ca d’ Asti, 1249 m Anstieg, 242 m Abstieg, 11,5 km. In der Nacht gewittert es noch einmal, was mir Kopfzerbrechen bereitet, aber als wir losgehen, scheint die Sonne! Ab mittags droht schlechtes Wetter. Wir müssen uns etwas beeilen, um nicht wieder nass zu werden! Der Aufstieg zum Colle Croce di Ferro ist ein Kinderspiel auf einer breiten Mulatteria. Ein kuschliger, aber nicht zum Spaßen aufgelegter Maremma-Hund achtet allerdings genau darauf, dass wir seinen Schafen nicht zu nahe kommen! Schon bald danach kommt die Abzweigung zum Rifugio Ca d’ Asti: ein gut markierter, bei halbwegs gutem Wetter gut zu gehender Höhenweg. Kleine Kletterstellen und viele Bachbetten (bei Schnee schwierig!) sind zu überwinden. Wir kommen an vielen Edelweiß und sogar einem kapitalen Steinbock in der Ferne vorbei. Der Weg zieht sich etwas, aber bei den ersten Regentropfen kommen wir am Rifugio auf 2850 m Höhe an. Letzteres überrascht etwas durch seine Primitivität: keine Dusche, extremst spartanische Zimmer mit „Gefängnis-Charme“, Stehklos und kleiner Waschraum außerhalb des Hauses. Hier gibt es nun wirklich wie angekündigt keinerlei Decken oder Kissen und wir sind froh um unsere Schlafsäcke! Aber wir sind schon nahe am Rocciamelone. Draußen hagelt es, aber für morgen früh ist gutes Wetter angekündigt!

  15. Tag, 14. 8. 2020 – Etappe V33-2: Rifugio Ca d 'Asti - Rocciamelone - Il Truc, 687 m Anstieg, 1816 m Abstieg, 11,2 km. Was haben wir für ein unglaubliches Glück mit dem Wetter: das Unwetter am Abend und Regen und Wind in der Nacht sind spurlos verflogen. Nach einem eher vernachlässigbaren Frühstück auf der spartanischen Hütte machen wir uns bei klarer Sicht und in spürbar dünner Luft an den letzten Aufstieg unserer GTA-Etappen. Knapp zwei Stunden später und mit allen im Rucksack befindlichen Jacken gegen den eisigen Wind bewaffnet stehen wir oben auf dem höchsten Pilgerberg Europas auf 3538 m Höhe: Was für ein Augenblick, was für eine grandiose Sicht über einen Großteil der Höhenzüge und Täler, die wir in den letzten fünf Jahren auf der GTA durchwandert haben! Über 3000 m unter uns liegt Susa. Dort hinten der Monviso. Selbst der Alpenbogen bis zu den Seealpen ist zu erkennen! Der lange Abstieg auf dem vergleichsweise gut ausgebauten Pilgerweg gelingt leichter als befürchtet - trotz des nun ganz erheblichen Gegenverkehrs von unzähligen Italienern mit Kind und Hund. Im Gegensatz zu den meisten GTA-Etappen liegen gleich zwei Hütten auf dem Weg, wo wir uns stärken können. Im Rifugio Riposa gibt’s leckere Nudeln und am Ziel im Il Truc werden wir sehr herzlich aufgenommen und hervorragend verköstigt. Das Probierset mit vier selbstgebrannten Digestifs nach dem Essen hat es in sich…

  16. Tag, 15. 8. 2020 - Etappe 34a: Il Trucco - Susa. 1220 m Abstieg, ca. 6 km.
    Nur noch ein letzter Abstieg auf der steilen Mulatteria des alten Pilgerpfads, der direkter nach Susa führt als die eigentliche GTA, trennt uns von dem hübschen Städtchen, in dem 2015 unsere GTA-Geschichte (zuerst mit dem Südteil) begann. Schon zu Mittag sind wir unten, nehmen unser Zimmer im ruhigen Hotel Napoleon (mit Waschmaschine!!) in Beschlag, schlendern durch die schönen Gassen, in denen - völlig ungewohnt! - einige Italiener auch im Freien mit der Mascherina herumlaufen, postieren uns vor dem römischen Triumphbogen, trinken Kaffee unter den Arcaden und gehen abends wieder in der Cantine Meana essen, wo es immer noch die leckeren und unschlagbar günstigen Menüs (ab 14.- mit Wein) und den extrem guten Grappa (Grappa gialla!) danach gibt. Die GTA mit all ihren buchstäblichen Höhen und Tiefen, ihrer unvergesslichen Naturschönheit und Einsamkeit, all den bezaubernden und liebenswürdigen Gastgeber*innen und so vielen wertvollen Begegnungen mit anderen GTAlern ist vollendet. Eigentlich schade! Was machen wir im nächsten Jahr?

Wir bleiben drei Tage in Susa, machen noch einen Ausflug mit der Bahn und zu Fuß zur berühmten Sacra San Michele, die hoch oben auf einem Vorberg am Eingang des Susatals thront. Diese riesige, mehrstöckige Klosteranlage aus dem Mittelalter diente Umberto Ecco als Inspiration für den Roman “Der Name der Rose“. Von Susa aus kommt man bequem mit dem Zug nach Condove-Chiusa di San Michele oder nach San Ambrogio. Von beiden Orten aus ist die Sacra San Michele zu Fuß sehr gut auf einer alten Mulatteria erreichbar, die im schattigen Wald schnell die 600 Höhenmeter nach oben führt.

Anschließend kehren wir noch einmal - etwas mühsam mit Bahn und Bus! - für drei Tage nach Balme zurück, wo uns Unterkunft und Essen im Les Montagnards auf der GTA so besonders gut gefallen haben. Bei den anstrengenden Etappen durch die drei Lanzo-Täler lohnt es sich, hier einen Pausentag einzulegen und in den Talschluss Pian della Mussa hinein zu wandern. Von dort aus machen wir noch Abstecher zur Rocca Tovo und zur Alpe della Rossa.

Mit Bus und Zug (leider verkehrt der Zug trotz intakter Bahnstrecke im Sommer nicht von Ceres nach Turin sondern erst ab Cirie. Nur im Winter sei das anders. Warum das so ist, verstehen auch die Italiener nicht!) geht es dann nach Turin, wo wir noch das ägyptische Museum besichtigen. Am nächsten Tag fahren wir dann über Mailand und Zürich zurück nach Karlsruhe. Sobald der Zug die Grenze zur Schweiz überschritten hat, kommt eine Durchsage: Ab jetzt dürfen wieder alle Plätze im Zug belegt werden und das Bordbistro hat wieder geöffnet. Andere Länder – andere Corona-Sitten!

Fotoserien von allen unseren GTA-Etappen finden sich auf Instagram unter: https://www.instagram.com/tineck62/

Falls jemanden interessiert, was da so im Laufe aller Etappen auf (und teilweise neben) der GTA so an Höhenmetern und Strecke zusammenkommt, hier eine kleine Statistik:

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Weitere Infos zu Kartenmaterial, Kosten, Rucksackgewicht, Unterkünften usw. gibt es bereits ausführlich in den Berichten der Vorjahre. Daher nur so viel: Die Gesamtkosten pro Tag (mit allen Getränken, Einkäufen, Bus usw.) lagen im Nordteil ohne An- und Abreise dieses Jahr bei ca. 77.- € pro Person und Tag (die Tage danach in Susa, Balme und Turin eingeschlossen), wobei wir, soweit vorhanden, stets einem Doppelzimmer statt des Posto tappas den Vorzug gegeben haben.

Wer sich selbst so eine Wanderung nicht zutraut und sich einer Gruppe mit professioneller Führung anvertrauen möchte, findet z. B. unter folgenden Links weitere Informationen:

https://www.hauptsache-draussen.de/Trekking/Grande-Traversata-delle-Alpi-GTA/?mact=Products,cntnt01,details,0&cntnt01category=Trekking&cntnt01cd_origpage=61&cntnt01productid=60&cntnt01returnid=66

https://www.dav-summit-club.de/reisedetails/detail/1-etappe-der-grande-traversata-delle-alpi-vom-nufenenpass-zum-orta-see.html

Hallo flautix,

wo finde ich denn eure Berichte der Vorjahre?
Fand nur 2019, 2015-2017 hätte mich interessiert.

LG,

Frank_Z

Leider wurde hier im Board vor gut einem Jahr Tabula rasa gemacht und alle älteren Berichte entfernt … Ich kann dir gern unsere älteren Berichte per Mail zuschicken, wenn du mir eine Mailadresse irgendwie zukommen lässt. Vielleicht geht das auch per Boardmail oder so … LG flautix

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Hallo flautix,
ich will mit einem Freund diesen Juli von Santuario di Oropa nich Susa gehen.
In Talosio fehlt uns ein Quartier. Ihr übernachteten in der ehemaligen Dorfschule. Hättet Ihr da eine Telefonnummer oder Mail adresse?

Hallo flautix, 2019 sind wir von Nufenenpass bis Quincinetto gegangen. Letztes Jahr haben wir uns nicht getraut. Dieses Jahr wollen wir von Quincinetto bis Castello, Pontechianale und nächstes Jahr den Rest gehen. Wir würden uns freuen die Berichte aus den Jahren 2015 und 2016 zu lesen. Meine Adresse ist humkoch@gmx.de
Vielen Dank im Voraus. Helmut

lieber flautix, ich überlege diesen sommer die GTA fortzusetzen. letztes Jahr bin ich einige Etappen des Nordteils gelaufen (von Forno bis Quincinetto), und dieses Jahr bin ich noch unschlüssig, ob ich in Q anknüpfen mag, oder vielleicht doch einfach ein ganz anderes Teilstück gehen. Ich bin auf deine Beschreibungen gestoßen, die ich super hilfreich, knapp und aufschlussreich finde! Könntest du mir vielleicht deine Kurzberichte aus den anderen Jahren zuschicken? Das wäre klasse, danke! (hannahkrieger@yahoo.com)

@hannahk Ich habe in einem anderen Forum zwei Reiseberichte veröffentlicht. Vielleicht hilft dir das ja auch. Die Tour im südlichen Teil (bin hier noch einen weiteren Abschnitt gegangen, aber dazu gibt es keinen Bericht) gefiel mir auch super gut. Bei Fragen melde dich gern (auch über Direkt message).

[IT] GTA 2020 - von Traversella (Valchiusella) bis nach Susa (Val di Susa) https://www.ultraleicht-trekking.com/forum/topic/10434-it-gta-2020-von-traversella-valchiusella-bis-nach-susa-val-di-susa/

[IT] GTA 2018 vom Valle Maira bis Valle Gesso https://www.ultraleicht-trekking.com/forum/topic/6897-it-gta-2018-vom-valle-maira-bis-valle-gesso/