Wanderung Scanno bis Pietransieri und Barrea bis Scanno - August 2022

Wilde Wege, stille Dörfer - Bericht Etappen 13-18

Meine Frau und ich waren vom 6. - 13. August 2022 ein zweites Mal in den Abruzzen unterwegs und haben die Etappen 13-18 (Scanno bis Pietransieri, Barrea bis Scanno) begangen. Beide Abschnitte haben wir durch das Einfügen einer nicht vorgesehenen (und vom Weg her auch nur bedingt zu empfehlenden!) Zusatzetappe von Pietransieri über Roccaraso nach Barrea zu einer einwöchigen Rundtour ergänzt.

Allgemeine Infos zur Wegfindung, Unterkünften, Apps usw. finden sich bereits in meinem Bericht zu den Etappen 1-12 aus dem Vorjahr. Vom Wetter her hatten wir dieses mal weniger Glück als im letzten Jahr: Fast täglich zogen in dieser Woche schon gegen Mittag Gewitter auf und wir haben das Regenzeug öfter benötigt als auf allen Wandertouren bisher. Die Warnung im Buch, dass es gerade im August Probleme bei der Reservierung von Unterkünften oder beim Reservieren im Restaurant geben könne, ist durchaus berechtigt und im Südteil der Abruzzen wohl noch sehr viel aktueller als im Norden! Leider können wir nur derzeit noch nicht außerhalb der Schulferien länger verreisen.
Meine GPS-Tracks stelle ich auf Anfrage gerne wieder zur Verfügung.

Anbei unsere Eindrücke:

Tag 01, 05.08. 2022, Freitag – Zugfahrt Karlsruhe - Pescara.

Eine erstaunlicherweise völlig unproblematische Zugfahrt! Um 8:00 Uhr geht es in Karlsruhe los und nach Umsteigen in Basel, Zürich und Milano kommen wir mit nur wenigen Minuten Verspätung gegen 20:00 in Pescara an. Die Fahrt von Rimini bis Pescara ist besonders sehenswert, da die Zugstrecke häufig sehr nahe an der Adriaküste verläuft. Wir übernachten im nur 5 Minuten vom Bahnhof und trotzdem ruhig gelegenen B&B La Quercia mit hübscher Terrasse, auf der auch das Frühstück serviert wird. Da es an diesem Abend nahezu tropische Temperaturen in Pescara hat, sind wir dankbar für die funktionierende Klimaanlage in unserem Zimmer. Wir schlendern noch durch den nicht besonders sehenswerten Ort einmal zur nahen Küste und wieder zurück und lassen es uns dann nach der langen Fahrt in einer der vielen Bars gut gehen.

Tag 02, 06.08.2022, Samstag - Anfahrt per Bahn und Bus nach Scanno: Einlauftour 450 m Aufstieg, 450 m Abstieg, 6,1 km, Gesamtzeit 03:00 Stunden

Der Zug um 9:25 Uhr bringt uns in nicht einmal einer Stunde von Pescara ins Inland nach Sulmona. Ab jetzt kennen wir uns wieder aus vom letzten Jahr und freuen uns auf die landschaftlich spektakuläre Busfahrt nach Scanno, wo wir bereits mittags eintreffen. In unserem Lieblings B&B Il Palazzo werden wir schon erwartet. Wie schön, wieder hier zu sein in diesem zugleich gemütlichen und ganzjährig lebendigen Bergdorf! Auf 1000 m Höhe kann man hier auch im Sommer gut atmen und die Luft ist lange nicht so drückend wie an der Küste.

Am Nachmittag machen wir eine kleine Einlauftour direkt hinter dem Ortseingang den Berg hinauf und enden schnell auf der Skipiste. Beim Abstieg finden wir dann den besseren und markierten Wanderweg. Beim Aufstieg stand da nur leider an einer entscheidenden Stelle wieder einmal kein Schild, wo man hätte abbiegen müssen… Im uns noch vom letzten Jahr gut bekannten Restaurant „Il vecchio mulino“ haben wir für abends einen Tisch auf der Terrasse bestellt (ohne Vorbestellung läuft hier in den Wochen um Ferragosto herum fast nichts!) und genießen wieder das selbst gebackene Brot, das leckere Essen und den hervorragenden Hauswein. Morgen geht´s richtig los!

Tag 03, 07.08.2022, Sonntag: Etappe 13A: Scanno – Serra Sparvera (1998) – Iovana - Scanno, 1150 m Aufstieg, 1150 m Abstieg, 17,8 km, Gesamtzeit 08:33 Stunden

Obwohl ich bereits im März alle Unterkünfte angefragt hatte, war an diesem Tag selbst nach telefonischer Nachfrage im Agriturismo Iovana kein Platz mehr zu bekommen. Wie sich herausstellte, gibt es dort in dieser Woche große Feierlichkeiten zu Ehren des Dorfheiligen San Lorenzo, zu dem viele Leute kommen und dann noch in vielen zusätzlich aufgestellten Zelten übernachten. Deshalb mussten wir an diesem Tag nochmals zurück nach Scanno. Matilde vom B&B Il Palazzo hatte uns aber zugesichert, dass uns jemand am nächsten Tag mit dem Auto von dort zum Iovana bringen könnte, da sonst die ohnehin schon lange nächste Etappe bis Pescocostanzo noch einmal 6 km länger gewesen wäre.

Zuerst einmal geht es von Scanno ins Tal hinab, dann biegen wir ab ins Vallone di Iovana und passieren eine kleine Krippe unterhalb einer Madonna. Schon bald verlassen wir den Schotterweg und folgen dem Weg nach links ab zur Serra Sparvera. Der Pfad führt nun steiler über felsiges Gelände aufwärts, dann lange durch schattige Wälder, in denen wir um unseren GPS-Track dankbar sind, da längst nicht an allen Abzweigungen wirklich ein Schild steht. Nach vielen Höhenmetern verlassen wir den Wald und steigen auf den knapp 2000 m hohen Grasberg hinauf, von dem man eine weite Sicht auf den See von Scanno und die ganze Landschaft außen herum hat. Deutlich können wir sehen, durch welche Hochebenen und Berge uns unsere Route die nächsten Tage führen wird. Der Abstieg bis ins weit unten im Tal schon lange sichtbare Agriturismo Iovana zieht sich ordentlich. Für heute reichen uns die Höhenmeter! Als wir gegen 13:30 unten ankommen, fängt gerade ein Gewitterguss an. Wie schön, dass wir uns hier unterstellen und sogar noch etwas essen können: Die Wirtsstube ist zwar voll besetzt, aber wir bekommen noch Platz im überdachten Außenbereich, genießen eine unglaublich gute Lasagne mit Ei und leckere selbst gebackene Kekse zum Kaffee. Ein junger Mann, der uns nett bedient, erkundigt sich eingehend, wo wir herkommen und wer uns auf das Agriturismo gebracht hat – und bevor wir gehen, müssen wir auch noch den selbstgebrannten Genziana probieren. Dann machen wir uns auf den etwas faden und auf der Schotterstraße nicht wirklich schönen Rückweg nach Scanno. Abends bereuen wir, dass wir im Iovana nicht mehr gegessen haben: Wir probieren ein uns bisher noch nicht bekanntes Restaurant aus, das wie alles hier im Moment extrem frequentiert ist: „La Porta“. Vielleicht hat dort erst der Koch gewechselt, aber das Essen kann man wirklich nicht besten Gewissens empfehlen. Wir haben kaum jemals in Italien so schlecht gewürztes und langweiliges Essen bekommen!

Tag 04, 08.08.2022, Montag:

Etappe 14: Per Auto zum Agriturismo Iovana: Iovana-Pescocostanzo, 686 m Aufstieg, 656 m Abstieg, 22,1 km, Gesamtzeit 07:15

Matildes Mann bringt uns mit dem Auto – ohne dass wir etwas bezahlen dürfen – in ca. 40 Min. nach Iovana – ein Riesenumweg im Vergleich zum Fussweg - und auf der langen Schotterstraße über Berg und Tal kommt das Auto nur sehr langsam voran. Endlich sind wir da und können in der noch kühlen Morgenluft die lange Etappe beginnen. Es geht idyllisch durch Wiesen und Wälder das Tal hinauf, an einer großen Viehtränke vorbei und schon bald kommt uns eine große Schafherde samt Hund entgegen. Wir warten, bis der Schäfer uns gesehen hat und den Hund zurückruft. Dann unterhalten wir uns eine Weile auf Italienisch mit ihm: Was, aus Deutschland kommen wir? Dann seien wir hier ja genauso Fremde wie er. Er komme aus Mazedonien. Einfach nur mal zum Spaß hier herumlaufen würde er auch gerne. Er habe aber viel Arbeit mit seinen gut 300 Schafen und müsse jeden Tag mit ihnen über den Pass herunter zur Viehtränke laufen.

Kurz hinter der Passhöhe (den Abstecher zum Monte Curio lassen wir aus, da wir ja gestern schon weiter oben die Aussicht genossen haben) und vor dem steilen Abstieg in ein steiniges Tal stellen sich uns fünf Hirtenhunde entgegen. Die zugehörigen Schafe sehen wir unten im Tal und der Schäfer dort sieht uns offensichtlich nicht. Vorsichtig und zur Sicherheit mit einem Stein in der Hand (nur zum Drohen, auf keinen Fall zum Werfen!) gehen wir an den Hunden vorbei, die uns auch passieren lassen, da die Schafe ja relativ weit weg sind. Nach einem kurzen steilen Abstieg über Geröll kommen wir in eine idyllische kleine Schlucht, auf der wir auf einem schönen Wiesenweg abwärts weiterwandern. An deren Ende wird der Weg zur Teerstraße und wir durchqueren ein schier endloses Picknickgelände mit unzähligen Tischen, Grill- und Wasserstellen links und rechts der Straße. Heute ist hier keine Menschenseele zu sehen, aber an Ferragosto und an den Wochenenden ist mit Sicherheit die Hölle los. Am Ende des Picknickgeländes wird die Teerstraße wieder zum Schotterweg, der sich schier endlos weiter nach unten durch das Valle dell Imposto schlängelt. Ein ermüdender Streckenabschnitt!

Bald ist die beeindruckende Hochebene Piana delle Cinque Miglia erreicht. Wie im Buch beschrieben kürzen wir die lange Rechtskurve zu Beginn querfeldein ab, was ca. 1 Km des Weges einspart und wandern dann auf einem Feldweg lange parallel zur Straße. Mehrere Gewitter sind uns hörbar auf den Fersen, wobei sie nicht nur von hinten, sondern auch von zwei Seiten immer näher kommen. Noch sind wir relativ trocken! Ein größerer Reitertrupp kommt uns entgegen und reitet unerschrocken in die schwarzen Wolken hinein. Wir finden es allmählich nicht mehr sehr gemütlich, da noch ein großer Teil an Strecke vor uns liegt. Nach dem Überqueren der Bundesstraße erwischt uns dann der Regen. Es geht mehr oder weniger querfeldein hinauf und hinunter zum Hotel Cinque Miglia. Dem GPS-Track können wir nur bedingt folgen, weil immer wieder Weidezäune mit Stacheldraht im Weg stehen. Vom Hotel aus ist dann wieder einmal Wandern auf der Landstraße die Devise – und das bei strömendem Regen! Die Wandermarkierungen verlaufen deutlich sichtbar direkt am Straßenrand. Die im Führer angedeutete Alternative auf einer kaum noch erkennbaren Wegspur finden wir weder, noch würde sie bei diesem Wetter Sinn machen. Endlich lässt der Regen wieder nach und wir steigen auf der Straße nach Rivisondoli hinauf, wo wir in einem netten kleinen Kaffee kurz Station machen und uns stärken. Der nun noch folgende Weg nach Pescocostanzo hinüber ist zwar auch geteert, verläuft aber wenigstens nicht an der Hauptstraße. Der hübsche historische Ort beeindruckt selbst mit regennassen Straßen noch. Im Hotel San Rocco werden wir sehr freundlich empfangen und können uns wieder trockenlegen. Mit dem Abendessen gestaltet es sich aber schwierig: Ich kann nirgendwo anrufen, da ich in diesem Ort kaum Handyempfang habe. Der junge Hotelier an der Pforte hilft aber gerne: Doch weder im kleinen „Il Sentaccio“, das wir bevorzugt hätten, noch bei seiner Empfehlung „Tre frati“ ist ein Tisch frei - oder wenn, dann erst bei der zweiten „Schicht“ ab 21:30 Uhr. Er telefoniert für uns seine halbe Restaurantliste durch – und tatsächlich bekommen wir im edlen und nicht ganz billigen Ristorante „Lo Sciatore“ dann um 19.30 Uhr noch etwas sehr Ordentliches zu essen, was seinen Preis wert ist. Essen gehen in der Hauptsaison kann hier manchmal mühsam sein!

Tag 05, 09.08.2022, Dienstag:

Etappe 15b: Pescocostanzo-Pietransieri-Roccaraso, 378 m Anstieg, 503 m Abstieg, 12,2 km, Gesamtzeit 05:28
Nach einem guten Frühstück (wir ziehen „salata“ dem „dolce“ vor und bekommen stolz Spiegeleier von den eigenen Hühnern und sehr leckeren Schinken vom benachbarten Bergbauern serviert) sehen wir uns – jetzt bei Sonne – den beeindruckenden Ort mit seinen wunderschönen Barockhäusern an. Erst danach brechen wir zu einer vergleichsweise kleinen Etappe auf: Die Wegfindung ist kein Problem und schon bald sind wir unten auf der Hochfläche Quarto del Barone, die schnell durchquert ist. Nach Überquerung eines Gatters steigt der Weg allmählich wieder an und wir bekommen schöne Ausblicke über die Hochebene zurück nach Pescocostanzo und auf die Maiella. Wir übersteigen einen Stacheldrahtzaun und sehen auf einem Schild, dass der als Wanderweg markierte „Privatweg“ von der anderen Seite her gesperrt gewesen wäre, was uns nachträglich aber nicht mehr stört. Es geht steil im Wald weiter bergauf. Wir finden meistens die Markierungen und folgen – an vielen reifen Brombeeren vorbei - bis Pietransieri dem N1. Oben auf dem Sattel angekommen öffnet sich ein weiter Blick auf die Berge des Molise. Wir verlassen bald den etwas langweiligen markierten Waldweg und finden weiter vorne am Kamm einen kleinen Wanderweg mit älterer Markierung. Dann geht es hinunter nach Pietransieri (der weitere Weg dieser Etappe bis Ateleta existiert offenbar nicht mehr), wo uns die unrühmliche Geschichte des dritten Reichs einholt: 1943 hat dort die Wehrmacht 128 Frauen, Kinder und alte Männer erschossen, weil sie sich nicht evakuieren lassen wollten!

Als wir gegen 12:30 im Ort eintreffen, fängt es gerade wieder an zu regnen: ein guter Zeitpunkt für eine längere Pause in der Dorfbar, wo wir trocken unter einem Zelt auf der Terrasse sitzen können. Leider zieht sich der Regen wieder einmal und es dauert, bis wir aufbrechen können. Ab jetzt beginnt mein selbst am PC zusammengebastelter GPS-Track bis Barrea und es wird spannend, ob die laut OpenTopoMap Italy vorhandenen Wege wirklich existieren und in welchem Zustand sie sind… Zu Beginn läuft alles wunderbar und mein GPS-Track führt uns gut aus dem Ort heraus. Dann geht es auf Schafwegchen über die Wiese den Berg hinauf. Wir kreuzen die Landstraße und suchen bei leider wieder einsetzendem Regen eine geeignete Stelle, um einen Stacheldrahtzaun zu übersteigen. So können wir die Straße noch eine Weile vermeiden. Doch in der Nähe eines großen Agriturismos stellen sich uns unvermutet unzählige Zäune in den Weg. Der Regen wird immer heftiger und an den Stiefeln bilden sich Schlammklumpen, die das Gewicht der Schuhe gefühlt verdreifachen. Hier ist kein Durchkommen! Also doch zurück zur Straße, auf der wir dann die verbleibenden 2,5 km bis zu unserem Hotel in Roccaraso im strömenden Regen zurücklegen. Wie die begossenen Pudel kommen wir gegen 15 Uhr in diesem nicht sehenswerten aber im Winter schneesicheren Skiort an und beziehen im Garni Astoria Hotel das mit Abstand teuerste und kleinste Doppelzimmer der ganzen Reise (132.- € mit Frühstück). Auf die gegen weitere 50.- € mögliche Benutzung der Sauna verzichten wir dankend und verschönern stattdessen das alpenländische Mobiliar unseres Minizimmers durch äußerst kreative Aufhänge-Ideen all unserer nassen Sachen. Die nahe Terrasse nützt uns ja leider im Regen wenig…

Immerhin gibt es im Hotel eine Touristenkarte mit markierten Wanderwegen, was uns für morgen hoffen lässt. In wirklich guter Erinnerung in diesem Ort behalten wir jedoch das Abendessen im Ristorante La Tavernetta: Da kommt die Chefin noch persönlich an den Tisch, zählt die verschiedenen Speisen auf und kümmert sich um das Wohl ihrer Gäste. So ein gutes Menü hätten wir in so einem touristischen Ort nicht erwartet.

Tag 06, 10.08.2022, Mittwoch

Etappe freestyle: Roccaraso-Barrea (ohne Monte Greco), 1014 m Aufstieg, 1198 m Abstieg, 18,7 km, Gesamtzeit 07:53

Der Versuch, ein wenigstens etwas früheres Frühstück vor der langen Etappe zu bekommen, verläuft leider wieder im Nichts: Um 7:30 ist noch gar niemand da um das Buffett aufzubauen. Gegen 7:45 werden dann unzählige Kuchen gebracht, die uns wenig interessieren. Mit Mühe finden wir wenigstens irgendwann ein Joghurt, etwas Weißbrot und einen kleinen Teller mit dem billigsten Wurst- und Käseaufschnitt, den der hiesige Supermarkt zu bieten hat. Aber bei solch günstigen Zimmerpreisen kann man nicht mit einem brauchbaren Frühstück oder gar etwas frischem Obst rechnen…

Bei ca. 12 Grad und wieder gutem Wetter laufen wir los: Zuerst geht es ins Tal hinab, dann durchqueren wir diesen an architektonischen Scheußlichkeiten so reichen Ort und laufen auf der anderen Seite wieder den Berg hinauf. Leider folgt der gut markierte Wanderweg zuerst einmal 3 km der Teerstraße, die dann in einen kaum weniger schönen, sehr grob geschotterten Feldweg übergeht. Erst nach Erreichen des ersten Sattels wird es besser: Vor uns liegt nun eine große Hochebene, die wir auf Wiesenwegen überqueren. Hinter der Talstation des Skilifts, die wir rechts liegen lassen, ist klar zu sehen, wo der Weg weitergeht: entweder auf oder neben der Skipiste…

Als wir auf knapp 2000 m Höhe in der Nähe der Bergstation des Lifts endlich den Stazzo Antone Rotondo erreichen, fängt der wirklich schöne Teil der heutigen Etappe an: Über die menschenleere Hochebene wandern wir auf angenehmen Wiesenpfaden am Monte Greco vorbei (dessen Besteigung lassen wir bei den ständigen Gewittern mittags lieber aus!). Zahlreiche Bläulinge umflattern uns. Am Hang des Berges weiden Pferde und weiter oben eine ganze Herde Ziegen (oder vielleicht sogar Gämsen? Auf die Entfernung können wir das nicht sicher sagen). Wir folgen dem gut markierten J7 und hoffen bei jeder Wegbiegung nach rechts nun bald den Barrea-See unter uns liegen zu sehen. Da müssen wir uns aber noch eine ganze Weile gedulden. Zuvor ist erst einmal wieder das Auspacken der Regensachen angesagt, doch erstaunlicherweise bleibt es heute bei nur wenigen Tropfen. Jetzt kommt der See in Sicht und bald auch der hübsche Ort Barrea, der auf einem kleinen Berg über dem See thront. Da zwischen der Seite, von der wir kommen, und diesem Berg aber noch eine tiefe Schlucht liegt, müssen wir bis ganz unten zum See, um dann auf einer Brücke hinüber und wieder hinauf nach Barrea zu kommen. Doch die Ankunft in unserem von vielen Wanderern schon sehr gelobten B&B „La scarpetta di Venere“ entschädigt sofort für alle Strapazen dieser Etappe: Was für ein idyllischer Ort mitten in der Altstadt mit riesigen Zimmern, einem wunderbaren Blick auf den See und einem kaum zu übertreffenden Frühstück… Weshalb haben wir hier nur eine Nacht gebucht?? Hier könnte man auch tagelang nur auf der Terrasse sitzen und auf den See schauen!

Auch das Abendessen im nahen Restaurant „Per I Vicoli“ in einer historischen Gaststube ist ein besonderes Erlebnis. Es gibt u. a. hervorragende Pizzen. Ich versuche stattdessen einmal die Pasta mit dem von den Italienern so heißgeliebten Orapi-Gemüse – eine Art Bergspinat, den ich aber nicht unbedingt ein zweites Mal essen muss.

Tag 07, 11.08.2022, Donnerstag

Etappe 18: Barrea-Civitella Alfedena-Villetta Barrea (am See entlang), 449 m Anstieg, 470 m Abstieg, 12,1 km, Gesamtzeit 05:50

Heute machen wir sozusagen einen Ruhetag und schlendern ganz gemütlich am See entlang. Direkt gegenüber von Barrea suchen wir uns eine Badestelle und schwimmen. Doch die Idylle währt nicht lange: Als wir uns noch in der Sonne wieder aufwärmen, kommt ein italienisches Paar zum bisher menschenleeren Strand. Er packt eine Drohne aus dem Rucksack aus und macht nach langen Vorbereitungen unter großem Getöse erste Flugübungen. Das hatten wir letztes Jahr am Corno grande auch schon einmal…

Heute ist der erste Tag, an dem wir vielen anderen Wanderern begegnen. Gerade der Weg am See entlang bis Civitella Alfedena scheint sehr beliebt zu sein – und im alten Nationalpark wird wohl generell mehr gewandert als auf der Seite, von der wir herkommen. In Civitella hatten wir auch im März keinerlei Unterkunft mehr bekommen. So laufen wir auf dem gut markierten H3 noch weiter bis Villetta Barrea, wo wir im Rifugio del Parco ein schönes Zimmer beziehen. Leider geht das Fenster auf die Hauptstraße hinaus, wo auch nachts noch viele Autos unterwegs sind. Villetta ist etwas städtischer, deutlich lauter und sicher weniger sehenswert als das idyllische Barrea auf der anderen Seite des Sees, wo wir gestartet sind. Auch das Abendessen im „Da Mauro“ist eher durchschnittlich und die schlecht gelaunte Bedienung, die uns trotz telefonischer Reservierung am Vortag nicht auf der Liste findet, irritiert etwas. Hier muss man nicht unbedingt gewesen sein!

Tag 08, 12.08.2022, Freitag:

Etappe 17: Civitella Alfedena-Opi - ohne Val di Rose (gesperrt)!!, 1069 m Anstieg, 1108 m Abstieg, 19,5 km, Gesamtzeit 09:17.

Nach einem wieder etwas kuchenlastigen, aber liebevoll und extra schon früh bereitgestellten Frühstück müssen wir sehen, wie wir nach Civitella Alfedena kommen, wo die ohnehin lange Etappe anfängt. Busse oder Taxis gibt es nicht, aber unsere Wirtin meint, dass es mit Trampen manchmal klappen würde. Nur fährt gerade kein einziges Auto in diese Richtung… Also dann doch wieder Straße laufen (der Wanderweg außen herum wäre noch viel weiter). Doch wir haben Glück: Das einzige Auto, das in unsere Richtung fährt, hält tatsächlich und der Fahrer, der offenbar bei der Gemeinde in Civitella arbeitet, bringt uns sogar extra noch bis zur Abzweigung des Wanderwegs im Ort. Was für ein Service!

Da das Val di Rose im Sommer zum Schutz der Gämsen gesperrt ist (außer für wenige organisierte Gruppen mit Führer), müssen wir das benachbarte Valle Jannanghera nehmen. Der Weg führt lange durch den Wald an uralten Buchen vorbei. Hin und wieder spitzt der See immer weiter unten hervor. Erst auf dem letzten Stück kommen wir aus dem Wald heraus und steigen steil zur Forca Resuni hinauf, wo wir auf eine organisierte Wandergruppe mit Führer treffen. Der Abstieg ins Valle Tre Confini ist stellenweise etwas zugewachsen, so dass wir mit unseren Rucksäcken durch das Lärchengebüsch pflügen müssen. Unten angekommen folgt nochmals ein steiler Anstieg zum Passo dell`Orso. Dann geht es bei wieder einsetzendem Regen hinunter durch den Wald ins Valle Fondillo. Der Feldweg zieht sich in die Länge und wir sind froh, dass wir „nur“ noch vor ins Sangrotal müssen zur „Locanda Mulino del Barone“ in der Nähe eines idyllisch gelegenen Campingplatzes und nicht noch hinüber nach Opi (in Opi konnte man ebenfalls im März keine Unterkunft mehr buchen und wir waren froh, wenigstens in der Nähe und nicht erst in Pescasseroli etwas Bezahlbares gefunden zu haben!). Der Weg reicht uns für heute auch so!

Am Campingplatz gibt es zumindest schon einmal eine Bar, in der wir zu unserem Erstaunen von einer jungen Halbitalienerin in perfektem Deutsch bedient werden. Unsere Locanda wäre eigentlich direkt nebenan, aber das Einchecken geht nur an der Pforte des Campingplatzes, die einen halben Kilometer weiter oben an der Straße liegt. Warum einfach, wenn es auch umständlich geht! Endlich sind wir eingecheckt, laufen wieder neben der Straße zurück und bekommen ein sehr schönes Zimmer. Abendessen gibt es heute auch nur vorne am Campingplatz, wo sich zu unserem Erstaunen ein hervorragendes Restaurant befindet mit durchaus wandererfreundlichen Portionen. Nach einer fürstlichen Platte von mit Ricotta gefüllten Teigtaschen, die auf der Zunge zergehen, bekomme ich heute tatsächlich meine trota alla griglia, die ich mir schon so oft statt der gegrillten Fleischberge hier gewünscht hätte, aber die noch nie auf der Karte stand. Unser sehr zuvorkommender Kellner arbeitet sonst in einem italienischen Edelrestaurant in Berlin. In Italien sei es schön im Sommer und zum Ferien machen. Aber hier immer leben und arbeiten? Da gehe es ihm in Deutschland doch sehr viel besser.

Tag 09, 13.08.2022, Samstag:

Etappe 16: zu Fuss zuerst 3,5 km nach Opi, dann erst weiter nach Scanno, 1195 m Anstieg, 1224 m Abstieg, insgesamt 27,2 km, Gesamtdauer 10:04

Unsere mit Abstand längste Etappe, die ich bewusst an den Schluss der Rundtour gestellt habe. Auch von Opi aus wären es schon gut 23 km bis Scanno. Nun müssen wir aber erst einmal nach Opi kommen… Immerhin erhalten wir bereits etwas vor 8 Uhr schon Frühstück in unserer Locanda und auf Nachfrage sogar etwas Salziges: u. a. leckeren Grillkäse. Das hebt die Laune vor der langen Etappe, das Wetter dämpft sie dann wieder: Heute regnet es schon beim Loslaufen… Auf einem schönen alten Weg geht es durch den Wald hinüber nach Opi, das wir schon lange auf einem Hügel oben liegen sehen. Dort angekommen regnet es immer noch in Strömen, aber wenigstens der Bäcker und der Lebensmittelladen haben offen, so dass wir uns nochmals mit Proviant versorgen können. Beim Weg zurück ins Tal will meine Frau unbedingt abkürzen statt meinem GPS-Track zu folgen - mit dem Ergebnis, dass wir einen riesigen Umweg laufen, den wir eigentlich heute überhaupt nicht brauchen können. Im Tal gibt es zuerst keinen anderen Weg als den entlang der Bundesstraße, auf der bei dem schlechten Wetter heute absolut alle herumfahren. Was für ein blöder Wegabschnitt!! Und dann stehen überall entlang den Straßen große Schilder, man solle langsamer fahren um die Bären zu schützen. Auf ein paar Wanderer weniger scheint es dagegen keineswegs anzukommen…

Nach 1,2 km ist auch dieses unangenehme Wegstück geschafft und es geht auf schönen Wiesenwegen rechts ab von der Straße. Allmählich lässt auch der Regen nach, so dass sich unsere Laune zusehends bessert. Die erste Pause mit leckeren Pizzastücken vom Bäcker machen wir bereits in der Sonne mit Blick auf die Ausläufer von Pescasserolli. Von dort kommen noch vereinzelt andere Wanderer hoch. Weiter oben sind wir dann wieder die einzigen weit und breit – und das mitten in der Hauptsaison! Der Weg steigt ganz allmählich weiter an bis auf 1500 m. Am nicht bewirtschafteten Rifugio prato rosso machen wir eine weitere Rast, bevor es auf einem steinigen Weg im Wald weiter bergauf geht. Endlich verlassen wir den Wald wieder und steuern an Kuhweiden vorbei auf eine karge und vollkommen menschenleere Mondlandschaft zu. Kurz vor dem Passo Valico del Campitello mit fast 1900 m scheuchen wir drei Rehe auf, die erschrocken fliehen. Von jetzt an folgen wir dem Y9 auf schmalen Wegen durch die faszinierende Karstlandschaft. Sonne und Schatten wechseln ständig, da der Wind große Regenwolken vor sich hertreibt. Die Stimmung hat etwas faszinierend magisches. Und kein Mensch weit und breit außer uns nimmt das wahr! Ein langer steiler Abstieg durch den Wald bis Scanno zehrt an den letzten Kräften. Irgendwann müssen wir noch einmal das Regenzeug hervorholen. Doch heute ist es egal, wann wir ankommen. In Scanno kennen wir uns ja schon aus! Als der markierte Weg auf der Straße nach Scanno endet, befürchten wir, nun die ganzen letzten Kilometer wieder auf der Teerstraße laufen zu müssen. Doch die Markierung zweigt noch einmal ab vom Weg und führt uns auf einem schmalen Wanderweg parallel zur Straße bis fast in den Ort hinein. Gegen 18:30 Uhr sind wir am Ziel und glücklich, diese beeindruckende Riesenetappe gemeistert zu haben. Das muss gefeiert werden: Heute gehen wir in das vergleichsweise teure aber ziemlich edle Restaurant „La fonte“ zum Abendessen und speisen dort ohne Rücksicht auf Verluste. Das haben wir uns heute verdient!

In der folgenden Woche treffen wir uns mit meinen Schwiegereltern in Sulmona, denen wir „Eine Woche Abruzzen to go“ zu Weihnachten geschenkt hatten. Wir holen uns ein Mietauto und zeigen ihnen die schönsten Plätze der Gegend. Zwei Tage Sulmona mit Ausflug nach Pacentro, zwei Tage Scanno und Umgebung und vier Tage im Agriturismo L´ape regina nahe Forca di Penne, wo es uns letztes Jahr so gut gefallen hat, mit Ausflügen nach Rocca Calascio, Castel del Monte, den schönen Strand von La Pineta, die Abbazia San Clemente in Torre di Passeri und Corvara. Dann geht es per Bahn wieder heimatwärts, wobei wir zu zweit noch einen längeren Zwischenstop in Brig einlegen und bei absolutem Bilderbuchwetter und ganz ohne Regen drei Etappen auf dem Stockalperweg von Brig über den Simplonpass bis nach Gondo laufen. Ein schöner Abschluss unseres diesjährigen Wanderurlaubs!